Samsung DeX - Desktop für die Westentasche

26. Juni 2020

Lesedauer ca. 4 Minuten

Ich war iPhone-Nutzer der ersten Stunde und besitze noch immer mein (voll funktionsfähiges) iPhone 1. Nach vielen Jahren hat es Apple durch immer unattraktivere Preise und stetig schlechter werden Software sowie Bigotterie im Hinblick auf den Schutz der Privatsphäre seiner Kunden geschafft, mich als Kunden zu verlieren. Mein Mac läuft mittlerweile unter Linux, mein iPhone 8 mit 256 GByte Datenspeicher und 3 GByte RAM für knapp 1.100 EUR Neupreis wurde durch ein Samsung Galaxy S10+ mit 512 GByte Speicherplatz und 8 GByte RAM für weniger als 600 EUR ersetzt und die letzte Bastion, meine geliebte Apple Watch, wurde notwendiger Weise (ohne iPhone macht die keinen Spaß und noch weniger Sinn) durch eine Samsung Galaxy Watch Active für knapp 120 EUR ersetzt. Einzig von meinen AirPods konnte (und musste) ich mich noch nicht trennen - die sind einfach unschlagbar gut.

Wer mich kennt, der weiß, das ich bisher Android gegenüber voreingenommen wahr und mich - vor allem wegen des (immer noch) verkorksten Berechtigungskonzept - nicht wirklich damit anfreunden konnte. Deshalb war es für mich zunächst ein Ausflug mit ungewissem Ausgang. Umso überraschter bin ich mittlerweile, was mit dem Galaxy S10+ möglich ist und welche Power auf so kleinem Format möglich ist und - um etwas dem Rest des Artikels vorzugreifen - wie rückständig Apple mit seinem iOS eigentlich wirkt, wenn man den Blick über den Zaun wirft...

Das "Cherry-Topping" beim Galaxy S10(+) ist für mich "Samsung DeX" (Samsung Desktop EXperience) - quasi der derzeit noch in den Entwickleroptionen versteckte Android Desktop Modus auf Steroiden. Microsoft hat das vor einigen Jahren mit "Continuum"versucht und hat es nicht geschafft, ein brauchbares Ergebnis zu realisieren. Motorola wagte den Versuch noch einige Jahre früher mit dem Atrix - und war einfach der Zeit zu weit voraus. Mittlerweile ist vor allem die Rechenleistung moderne Smartphones so weit gestiegen, das sich Benutzeroberflächen realisieren lassen, die modernen Varianten gängiger Betriebssysteme wie Windows, macOS oder Linux nur noch in wenig nachstehen. Taskleiste, Icons, Multitasking, skalierbare Fenster - all das ist mittlerweile möglich und dabei ist die Arbeitsgeschwindigkeit einem Budget-Laptop meist noch überlegen.

Mittlerweile habe ich mir ein Dock der Firma Baseus für kleines Geld (ca. 35,00 EUR) gekauft und nutze mein MacBook nur noch in meinem Heimstudio für die Musikproduktion - für die täglichen Arbeiten wie Briefe schreiben, eine Präsentation erstellen, Bildbearbeitung, Pflege meiner Webseiten nutze ich mein Galaxy S10+ an einem großen Bildschirm mit meiner mechanischen Tastatur von Filco und meiner Bluetooth-Maus von Logitech. Musik kommt aus meiner mittlerweile antiken Jambox Mini und Daten speichere ich auf einer USB-Festplatte - angeschlossen am Dock.

Umstellung bedarf es bei den Workflows. Zwar bietet Samsung DeX prinzipiell Multitasking und Browser wie Firefox oder Chrome verhalten sich grundsätzlich ähnlich zu den Desktop-Varianten (Firefox kann sogar Plugins) - dennoch gibt es im Detail Unterschiede - beispielsweise funktioniert Drag and Drop nicht, markieren und kopieren von Texten verhält sich anders und auch die Dateiverwaltung unterscheidet sich von der am klassischen Rechner - allerdings gewöhnt man sich vergleichsweise schnell an die Unterschiede und ich habe mich schon dabei ertappt, wie ich gar nicht mehr bewusst wahrgenommen habe, das ich nicht mehr an einem Laptop, sondern an einem Smartphone arbeite.

Großartig ist übrigens, das man nebenbei wie gewohnt telefonieren und chatten kann - aber mit Maus und Tastatur natürlich viel besser und schneller klar kommt, als auf der Touch-Tastatur am Mini-Display.

Netflix oder Amazon Prime Video im Vollbild-Modus? DeX Lab aktivieren und es ist kein Problem! Spotifay wie am Laptop? Kein Problem! Vollausgestatte Textverarbeitung? Mit Softmaker-Apps kein Problem - oder doch lieber Word,Excel, PowerPoint, Teams, Skype, Sharepoint, Outlook? Auch kein Problem! Dateiverwaltung mit Total-Commander? Super! SSH-Verbindungen über ConnectBot? Klasse! PHP, HTML, CSS & Co. mit IntelliSense, FTP & Co. in einer IDE bearbeiten? Kein Problem! Werbung mit Element-Filtern und XPath blockieren? Firefox + uBlock Origin und es klappt ganz wunderbar... Ein klasse Mail-Client für die privaten Postfächer? Mit FairMail jederzeit möglich und Bildbearbeitung mit Snapseed, Photoshop & Co. ist auch möglich - sogar (Netzwerk-)Drucker lassen sich einbinden - und für den Zugriff auf NTFS, FAT32 & Co. gibt es auch Lösungen...

Wer sich auf diese minimalistische Erfahrung einlässt, der wird überrascht sein, was alles möglich ist - und wie rückständig dagegen Apple mit iOS und iPadOS eigentlich wirkt - denn weder kommt Letzteres mit einer Maus richtig klar noch lassen sich einfach so ein externer Bildschirm oder eine externe USB-Tastatur anschließen. Alles ist dort vernagelt, verdongelt und teilweise auch architektonisch (auf Software-Ebene) Jahrelang in die falsche Richtung entwickelt worden.

Einerseits, weil der Konzern mittlerweile absurd gierig ist und nicht zulassen möchte, dass das iPad Pro das MacBookAir oder MacBook Pro kanibalisiert - man will das ja auch noch loswerden - und andererseits, weil man über Jahre völlig falschen Annahmen gefolgt ist. Mittlerweile läuft Apple der Herde hinterher - und führt sie nicht mehr an.